Wetten, Wissen, Wahrsagerei – der universelle Publikumsjoker
Das Wisdom of the Crowds Phänomen geistert schon seit längerer Zeit durch Blogs und Journals, doch bisher war man sich vielfach noch nicht recht bewusst welche Praxisrelevanz das Thema haben kann – abgesehen von dem berühmten Publikumsjoker der grundsätzlich als Beispiel herhalten muss.
Mittlerweile gibt es einige Plattformen die es auch dem Ottonormal-Verbraucher erlaubt die „Weisheit der Vielen“ außerhalb des Fernsehens anzuzapfen. So bietet bswp. Die Plattform beatjoe.de eine Art andauernden Publikumsjoker mit Wettfunktion an - der Sinn erschließt sich mir nicht unmittelbar, aber die User scheinen Spaß daran zu haben. (Mehr dazu hier)
Interessanter sind in diesem Zusammenhang die virtuellen Börsen, welche Frank Piller in „Interaktive Wertschöpfung“ wie folg beschreibt:
Auf virtuellen Börsen werden, den Prinzipien echter Aktienmärkte folgend, zukünftige Marktzustände gehandelt (z.B. der Absatz bestimmter Produkte innerhalb eines definierten Zeitraums). Die Erwartungen der Teilnehmer bezüglich zukünftiger Marktzustände spiegeln sich dann im Wert der virtuellen Aktien wider. Entsprechend der Hayek-Hypothese werden durch eine virtuelle Börse asymmetrisch verteilte Informationen der Marktteilnehmer am effizientesten aggregiert. (Frank Piller 2006)
Für Piller ist dieses Phänomen zur Identifikation von Lead Usern interessant, da diejenigen User welche ihr Portfolio am erfolgreichsten aufgestellt haben, potentiell über einen Informationsvorsprung verfügen - ein Merkmal innovativer Kunden.
Andererseits ist nicht nur der Erfolg des Einzelnen, sondern eben auch die kollektive Bewertung interessant. So berichtete bspw. der Spiegel über die Prognose-Börse Hollywood Stock Exchange (HSX):
Die Mitspieler kaufen mit Spielgeld (dem Hollywood-Dollar) Aktien von Filmen, die noch nicht im Kino gestartet sind. Der Aktienpreis soll den Kassenerfolg eines Filmes widerspiegeln. Sprich: Wer 200 Hollywood-Dollar für einen Anteil ausgibt, erwartet, dass der Film in den ersten vier Wochen nach US-Filmstart mehr als 200 Millionen Dollar einspielen wird. Einen Monat nach dem Kinostart wird die Aktie vom Markt genommen, Besitzer erhalten als neues Spielgeld den Aktien-Gegenwert der realen Umsatzzahlen gutgeschrieben. Sprich: Spielt der Film 200 Millionen Dollar ein, gibt es 200 Hollywood-Dollar Spielgeld je Aktie. (Spiegel Online)
Der Erfolg ist erstaunlich:
(…) in den vergangenen drei Jahren haben die Kurse an der HSX die Oscar-Gewinner in den acht wichtigsten Kategorien fast perfekt vorhergesagt (nur acht Prozent Fehlerquote). Die Güte der Einspielergebnis-Prognosen an der HSX hat Martin Spann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Passau, untersucht. Sein Ergebnis nach Auswertung von 152 Filmen: “Die Voraussagen waren sehr gut.” Konkret: Sie waren doppelt so gut wie die Experten-Prognosen im US-Fachmagazin “Box Office Report”. Ein Beispiel: Im April 2006 sagte die HSX voraus, dass “The Da Vinci Code” binnen vier Wochen 207 Millionen Dollar einspielen wird. Tatsächlich waren es Ende Juni 205,5 Millionen Dollar. (Spiegel Online)
Ähnliche Börsen-Spiele gibt es mittlerweile für alles Mögliche: Blogs, Technologie, Aktien, oder wie gestern berichtet auf Startups. (Mehr auf Mashable) Für Startups kann dieses Wisdom of the Crowds-Feedback mit Sicherheit eine erste Einschätzung über die Marktakzeptanz geben, leider liegen bisher keine Daten über den Erfolg solcher Maßnahmen vor.
Zum Abschluss noch ein Ausschnitt aus einem Interview mit James Surowiecki dem Autor von “Wisdom of the Crowds”:
(…) Viel präzisere Ergebnisse erzielt man, wenn man einen simulierten Markt einrichtet, an dem die Menschen Aktien von Kandidaten kaufen können. Man fragt sie also nicht, wie sie wählen, sondern wie sie glauben, dass die anderen entscheiden. Solche Prognosemärkte sagen den Ausgang einer Wahl regelmäßig auf ein oder zwei Zehntelprozent korrekt voraus.
Warum funktioniert das?
Märkte vereinigen automatisch sehr unterschiedliche Menschen, da prinzipiell jeder teilnehmen kann. Ebenfalls sehr wichtig: Die Beteiligten interagieren zwar, sind aber voneinander unabhängig.
Welche anderen Arten solcher Prognosemärkte gibt es – außer für Wahlergebnisse?
Unternehmen nutzen sie inzwischen. Es ist doch oft so: Einen kleinen Angestellten fragt niemand nach seiner Meinung – oder er traut sich nicht, sie seinem Chef mitzuteilen. Dabei haben gerade diese Leute oft die wichtigsten Informationen. Durch Prognosemärkte kann man diese Informationen sichtbar machen: Siemens nutzt das zum Beispiel, um festzustellen, ob bestimmte Produkte rechtzeitig fertig werden oder wie erfolgreich neue Produkte sein werden.
Angestellte können also Aktien kaufen, die besagen, dass eine Software rechtzeitig fertig wird?
Genau. Wenn niemand diese Aktien kauft, sondern alle ihr Spielgeld darauf verwetten, dass es zu einer Verspätung kommt, kann man daraus natürlich etwas ablesen. Gerade schlechte Nachrichten kommen so eher zum Vorschein, als wenn man sie seinem Boss ins Gesicht sagen müsste. Siemens sagt, sie hätten dadurch ihre Prognosen um 50 Prozent präziser gemacht.
Hat der Aktienmarkt auch Vorhersagekräfte?
Auf jeden Fall! Ein interessantes Beispiel ist das Challenger-Unglück von 1986. Vier große Firmen hatten die Bauteile geliefert, nach der Explosion sind die Kurse aller vier Firmen gefallen. Drei Kurse haben sich relativ schnell wieder stabilisiert. Nur der vierte Kurs, der der Firma Morton Thiokol, fiel tiefer und tiefer. Dabei war die Unglücksursache nicht mal ansatzweise klar. Erst viel später stellte sich heraus, dass wirklich die Feststoffraketen dieser Firma zu dem Unglück geführt hatten. (Interview mit dem Magazin Fluter)
Und damit haben wir erfolgreich den Bogen zu Open Innovation und Lead User Integration geschlagen. Mehr Informationen zu webbasierten Prognosemärkten findet man in einem bemerkenswerten Paper von Spann/Skiera erschienen in Management Science 2003
























Johannes Heinze sagt
am 6. August 2007 @ 15:25
Post wurde aufgegriffen bei:
http://www.best-practice-business.de/blog/?p=2707
Felix Geidt sagt
am 23. August 2007 @ 01:20
Bin jetzt erst auf diesen Beitrag gestoßen. Der Sinn von BeatJoe ist in erster Linie Spaß für die User, die besten von ihnen können außerdem auch immer etwas gewinnen.
Wichtig zu sehen ist nämlich unserer Meinung nach, dass die allermeisten “Prediction Markets” nicht aus einem Nischendasein hinaus kommen. Es ist auch kein Zufall, dass die erfolgreichsten aus spezieller Positionierung kommen (HSX, Tradesports, teils Betfair).
Diese Seiten sind aber für den Normaluser ohne spezielles Interesse am Thema immer noch recht unzugänglich.
Bei der Messung des (wirklich beachtlichen!) Erfolges von Prediction Markets ist außerdem zu berücksichtigen, dass es auch ganz normal ist, wenn diese Prognosen einmal “falsch” liegen, da in den meisten Fällen ja nur die höchste Wahrscheinlichkeit für den Eintritt des Ereignisses herangezogen wird. Bei einer Wahrscheinlichkeit von 80% ist es aber halt immer noch “normal”, dass auch jede 5. Prognose falsch liegt.
Der Kompromiss aus Spielbarkeit und Erhalten der Vorhersagekraft bzw. von deren Voraussetzungen ist nicht leicht, über Kritik zu unserem Modell bin ich immer froh.